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Bericht der Frühjahrstagung  vom 28.-30. April 1997 in Berlin  

Qualitätsmanagement oder: Das Aufbrechen gewachsener Strukturen Digitalisierung - Organisationsentwicklung - Professionelles Bewußtsein

In: INFO 7, 1/97


Fachgruppe 7 tagte in Berlin

Was für ein Schauplatz! Mitten im Herzen der Hauptstadt. 285 Medienarchivare/-dokumentare (Rekordbeteiligung) waren Gäste des Axel Springer-Verlages im Ullstein-Hochhaus in der Kochstraße. Heute einen Steinwurf nur vom zukünftigen Herz der Stadt entfernt, vor über 35 Jahren ein von der linken Szene als Provokation empfundener Bau unmittelbar an der Sektorengrenze und später der Mauer. Das Verlagshaus, in den 60er und 70er Jahren Ziel unzähliger Demonstrationen, Sit-in- und Farbbeutelaktionen, bot uns im 19. Stock ein ideales Domizil und beim Empfang im Presseclub einen Abend voller Gastfreundlichkeit mit vorzüglicher Bewirtung in lockerer, unverkrampfter Atmosphäre bei einem tollen Ambiente. Rainer Laabs, unserem Gastgeber und Organisator sowie seinem unaufgeregt, souverän arbeitenden Tagungsbüro sei vor allen gedankt, aber auch Wilhelm van Kampen, Eckehard Baer und Heinz-Dieter Schweikert.

Vielleicht charakterisiert der Ausspruch eines durchaus prominenten Teilnehmers am besten die Situation: "Bei den Demonstrationen vor 25 Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, mich einmal in den Lederfauteuils des Axel Springer-Presseclubs wiederzufinden"; werten wir diese Äußerung als Kompliment an die Gastgeber und als Lob für die Veranstalter und nicht als Mutation zu einem bourgoisen Denken, zumal der Kollege als respektabler Citoyen gilt.

Zur Sache: Inhaltlich wurden die hohen Erwartungen, die ein so hochgestyltes Thema wie "Qualitätsmanagement oder Das Aufbrechen gewachsener Strukturen" verhieß, keineswegs immer erfüllt. So weiß die ABD-Szene zwar, daß allerlei in Bewegung geraten ist, aber die wirklichen Zusammenhänge und Planüberlegungen blieben uns eher verborgen oder, besser gesagt, in einem zum Teil mystischen Schleier verhüllt. Josef Wandelers Referat geriet, da die Archivreformüberlegungen innerhalb der ARD noch nicht auf Intendanten-Ebene verhandelt sind, eher zu einer akademischen Vorlesung. Eckhard Lange verzettelte sich in einer, durchaus komischer Elemente nicht entbehrenden Historienmalerei der leidvollen 25-jährigen Geschichte der Entwicklung einer (immer noch nicht realisierten) Rundfunkpressedatenbank. Die hastig vorgetragenen "neuen" Kooperationsplanungen und die SWF-Vorstellungen hierzu kamen leider viel zu kurz. Über das (spannende) Joint-Venture von Süddeutschem Verlag und Bayerischem Rundfunk war von den Referenten (Dr. Gerald Mauler und Ruth Grünewald) auch nur wenig genaues zu hören, was Frau Grünewald in entwaffnender Offenheit bestätigte: Konkreteres könne man nur erfahren, so wurde der staunende Hans Wachtel beschieden, wenn man Mitglied der Geschäftsleitungen einer der beiden Häuser werde.

Offener und deutlicher war da schon Bernhard Koßmann, der die weitreichende Reorganisation der Archive im Hessischen Rundfunk, die mit einem Aufbrechen traditioneller Strukturen - weg von Dokumentarten wie Ton, Text, Film und Video und hin zu umfassenden Dokumentations- und Servicefunktionen - verbunden ist, vorstellte; allerdings ein wenig dröge und mittels ab Reihe 3 des Saales absolut unleserlicher Folien (vollgestopft mit Text). Wann lernen Archivare oder auch Dokumentare endlich mit Präsentationsmedien richtig umzugehen?

Von den sehr komplexen und komplizierten Vorgängen im Zusammenhang mit dem Aufbau der Mediendatenbank für die Expo 2000, vorgetragen von unserem langjährigen Gefährten Professor Schmitz-Esser, habe ich, was allerdings sicherlich an mir liegt, nur behalten können, daß es wahrer Herkulesse bedarf, um dieses Projekt zu heben; diese stünden aber, gut qualifiziert, durchaus zur Verfügung.

Christopher N. Carlson wartete in der Arbeitsgruppe AV-Dokumente mit einem durchaus pfiffigen und properen Multimedia-Datenbankmodell (im Zusammenhang mit den Produktionen des Instituts für den Wissenschaftlichen Film) auf. Anke Leenings zeigte sich bilanzierend zufrieden mit dem Ablauf und den Ergebnissen der Arbeitsgruppe Tondokumente, vor allem hinsichtlich eines mehr und mehr sich durchsetzenden nutzerorientierten Dienstleis- tungsbewußtseins.

Man sieht, die fachlichen Höhepunkte der Veranstaltung sind bisher noch ausgespart. Es gab sie nämlich und sie betrafen die Plenumsveranstaltungen zur digitalen Bildbearbeitung und die damit korrespondierenden Referate in der Arbeitsgruppe Text und Bild. Das wurde endlich Zeit, daß sich die Fachgruppe intensiv und kompetent des Themas "Bildarchivierung und -versorgung" annahm. Hier vollziehen sich Entwicklungen, die die Arbeit und das Selbstverständnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bildarchiven revolutionieren, und dieses Wort ist hier ausnahmsweise einmal wirklich angebracht. Noch etwas ist zu beobachten: Plötzlich wird der lonesome Einzelkämpfer im kleinen Archiv, bisher in der Flut der Bilder und Informationen zu ersticken drohend, zum souveränen, effizienten Bildbeschaffer, und die Großvorhalter von Bildbeständen fremder Provenienzen sehen ihre Bedeutung schwinden und sich auf der Fahrt in Richtung Abstellgleis. Daß sich dabei zunehmend Monopolisierungsbestrebungen von Anbietern durchzusetzen beginnen, scheint vielen, auch in unseren Fachkreisen, noch gar nicht so recht aufgefallen. Eindrucksvoll, wie heute umfassend und auf hohem Qualitätsniveau eine Online-Bildversorgung möglich ist und die Research-Funktionen zunehmend an Bedeutung gewinnen (Vorträge: Kredinger, Nürnberger, Gerhard; Präsentationen: Streubel und Nürnberger). Welche Erschließungsprobleme sich dabei stellen, konnten Pauluth-Cassel und Bartels darstellen.

Wilhelm van Kampen blieb es im Eröffnungsvortrag vorbehalten, kulturorientierte und technikkritische Gedanken in gewohnter geistreicher und souveräner Manier vorzutragen und den Finger auf die offenen Wunden eines zunehmend selbstverliebten und populistisch orientierten Kulturbetriebs zu legen; Überlegungen, die leider im Alltagsgeschäft unserer Profession viel zu kurz kommen.

Bleibt noch anzumerken, daß die (gegenüber dem Archivtag) vorgezogenen Wahlen bei der Mitgliederversammlung der Fachgruppe Eckhard Lange als Vorsitzenden bestätigten, dem Gerhard Stülb, Beate Pauluth-Cassel, Hanna Klenk-Schubert, Hella Schmitt sowie Professor Ralph Schmidt zur Seite stehen; Delegierte im VdA-Vorstand für die nächste Wahlperiode sind Eckhard Lange, Gerhard Stülb und Heiner Schmitt.

Heiner Schmitt


02.03.2009