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Bericht der Frühjahrstagung  vom 13.-15. Mai 1996 in München  

Cost-,Service- oder Profit-Center -
Optimierung der Dienstleistungen in Medienarchiven

In: INFO 7, 1/96


36. Frühjahrstagung der Fachgruppe 7 in München

Liberalitas Bavarica wäre ein anderes, evtl. noch besseres Motto der Frühjahrstagung 1996 der Medienarchivare und -dokumentare in München gewesen als das prosaische "Cost-, Service- oder Profit-Center: Optimierung der Dienstleistungen in Medienarchiven", zumal dies nur einen Schwerpunkt der insgesamt gelungenen Veranstaltung abdeckte. Bayerische Großzügigkeit beim Sponsorenabend im Forsthaus Wörnbrunn bei Richard Süßmeier, der bei so viel Medienleuten zur Hochform auflief - übrigens ebenso wie Herbert Heß, unser Münchner Nestor. Bayerische Generosität auch bei Staatsminister Kurt Faltlhauser: Der Abend in der Staatskanzlei war ein Glanzpunkt der Tagung mit gros- ser Repräsentanz von Landesarchivpolitik - und - Medienprominenz.

Die Sachinhalte der Frühjahrstagung 1996 hatten es in sich: Sie spiegeln die labile, auch widersprüchliche Situation, die durch die revolutionären neuen Entwicklungen bei der Produktion und Bearbeitung von journalistischen Produkten bedingt ist. Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Berufsbilder, die zunehmende Verschränkung der technischen, journalistischen und medienarchivarischen Tätigkeiten, die Auswirkungen durch die neu entstehenden Produkte (in Zukunft Audiofiles und Videofiles) auf ABD-Bereiche, so lassen sich die zentralen aktuellen Probleme kurz beschreiben. Diese Schwerpunkte spiegeln sich auch in den Themen der Vorträge, die allerdings der eine oder andere der Referenten nicht immer zielgenau traf.

Zunehmende Funktionskoppelungen fordern Umstellung und Anpassung. Die Medienarchivare akzeptieren das, wohl wissend, daß sie schon im Interesse ihrer Existenzsicherung keine alternative Wahl haben.

Überlieferungssicherung im AV-Bereich und bei Tonträger- und Bildbeständen bewegte sich zwar zunehmend auf die File-Ebene hin, allerdings ist die Entwicklung hier ganz unterschiedlich weit gediehen: Sind Einzelbildinformationen und Tonsignale längst digital zu speichern, steht die Entwicklung für die Film- und Videobestände erst am Anfang. Großserver mit nicht datenreduzierten Laufbildsignalen, die über eine funktionsgerechte Anbindung an den Produktionsbetrieb verfügen, werden wohl frühestens in zwei bis drei Jahren einsetzbar sein; Alternativmodelle einer Speicherung via Datenstreamer schon eher und sog. Browse Server mit Ansichtsbeständen sind heute nach der NAB in Las Vegas in aller Munde.

"Die Digitalisierung und ihre Folgen" war logischerweise auch Thema der Arbeitsgruppen Tondokumente und AV-Dokumente; Online-Dienste, eine Variante als digitale Informationsversorgung via Netzanbindung, ein Schwerpunktthema der AG Text und Bild.

Zweiter thematischer Schwerpunkt und offenkundig nicht nur für unsere engere Klientel von Interesse - eine Reihe von Consultants verschiedener Beratungsfirmen hatte sich bei uns eingefunden - waren die anstehenden betriebswirtschaftlichen Durchleuchtungen der ABD-Bereiche.

Der Vorschläge, wie Medienarchive betriebswirtschaftlich optimal zu organisieren sind, gab es viele; es schwirrte nur so von Cost-, Service- und Profit-Center - Vorstellungen, die die anwesenden Archivare aus öffentlichen Archiven zutiefst erschreckten. Ein Patentrezept hatte keiner: Den Consultants ist ein Outsourcing der eigentlichen Programmbestände ebenso unheimlich, wie sie auf der anderen Seite aber vehement ein kosten-nutzenorientiertes Verhalten von den Archiven fordern. Daß bei all dem der Kulturgutsicherungsaspekt nur mühsam in die Diskussion eingeführt werden konnte, muß uns Anlaß zu kritischen Reflexionen sein.

Der Eindruck, daß Betriebswirte und Technokraten zunehmend die sehr komplexen inhaltlichen Aspekte, die sich im Zusammenhang mit Programmbeständen, aber auch mit Informationsdienstleistungen ergeben, ihren zu Teil undifferenzierten, zum Teil methodisch einseitigen Bewertungskriterien zu unterwerfen versuchen, ist nicht wegzudiskutieren; ich wage zu bezweifeln, ob wir - auch vom Fachverstand - für die zukünftige Behauptung unserer Positionen ausreichend gerüstet sind. Hier müssen Lernprozesse einsetzen, Fortbildungsangebote entwickelt und möglicherweise Bundesgenossen gefunden werden.

Ein reizvolles - auch an der berufsständischen Selbstbehauptung orientiertes - Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbandes, Hubert Engeroff, diente der Auslotung einer möglichen gewerkschaftlichen Interessenvertretung der Medienarchivare und Mediendokumentare, die der VdA nicht leisten kann und auch zukünftig nicht übernehmen will.

Die Frühjahrstagung 1996 in München mit rund 230 Teilnehmern war für Ortskomitee und Organisatoren mit viel Streß und einer Menge Arbeit verbunden. Daß im großen und ganzen alles ganz unprätentiös klappte und die Dienstleistungen mit liebenswürdiger Selbstverständlichkeit angeboten wurden, erfordert Glückwünsche und Dank zugleich und nötigt Respekt ab. Hier schließt sich nun der Kreis zur Liberalitas Bavarica, die wir in reichem Maße erfahren durften.

Heiner Schmitt

 

Cost-, Service- oder Profitcenter: Optimierung der Dienstleistungen in Medienarchiven

Arbeitsgruppe Tondokumente/Sitzung der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz am 14.05.1996 in München

Die diesjährige Sitzung der Arbeitsgruppe Tondokumente bzw. der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz innerhalb der Frühjahrstagung der Fachgruppe 7 gliederte sich in zwei Themenkomplexe: Zum einen standen im Zusammenhang mit der Digitalisierung im Hörfunk deren Auswirkungen auf die Arbeit in den Schallarchiven im Vordergrund - es galt, die veränderte berufliche Situation der Schallarchivare zu diskutieren. Der zweite Teil der Sitzung war den Kosten-/Nutzenaspekten gewidmet, die inzwischen verstärkt Eingang in die Schallarchive gefunden haben.

Zunächst beschrieb Ulf Scharlau vom Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart sehr anschaulich, daß die Digitalisierung unweigerlich auf die Schallarchivare zukommt bzw. zum Teil bereits dort Einzug gehalten hat. Als Archivar sollte man unter diesen Voraussetzungen nicht fatalistisch die Hände in den Schoß legen, sondern dies von vornherein als eine Chance begreifen, hausinterne Entwicklungen und Entscheidungen mitzusteuern und zu beeinflussen. Beim Süddeutschen Rundfunk hat die Zukunft bereits begonnen, und zwar im Einklang mit dem Archiv; die Digitalisierung erfolgt im Sinne der Bestandserhaltung, für den Aktualitätenspeicher und langfristig als neues Archivspeichermedium, nicht zuletzt aus Kostengründen und zur Ablösung des Kassetten-Speichersystems, aber stets im engen Zusammenhang mit der Archivdatenbank. Konkret heißt das, daß zur Zeit noch keine neue Methoden (zum Beispiel keine veränderte Sendebereitstellung) im Einsatz sind, lediglich eine verstärkte Poolbildung der Tonträger und Titel zu beobachten ist. Langfristig wird die Sendevorbereitung über den Massenspeicher erfolgen, die Dokumentation wird sich in Zukunft zum Datenmanagement hin entwickeln, Sekundärdaten von Plattencovers etc. müssen in all´diesen Entwicklungen mitberücksichtigt werden, und last but not least müssen vor allem auch die Redakteure für die neuen Arbeits- und Recherchetechniken geschult werden.

Für die Deutsche Welle erläuterte Mechthild Kreikle, daß die beabsichtigte komplette Umstellung der Produktion auf digitale Technik auch das Archiv miteinschließt. Die Einspielung der Tonträger in den digitalen Speicher ist bei der Deutschen Welle allein Archivaufgabe. Das inhaltliche Konzept wird in enger Zusammenarbeit mit den Redaktionen erstellt, sozusagen auf Anforderung. Entscheidende Arbeitsabläufe in den Redaktionen mußten umgestellt werden, dies ist nach einer Umgewöhnungszeit auch gut akzeptiert worden.

Die Kernkompetenz des Archivs blieb und bleibt jedoch unbestritten und weiterhin erhalten.

Frank Rainer Huck vom Saarländischen Rundfunk stellte diesen eher zuversichtlich und hoffnungsvoll klingenden Beispielen von SDR und Deutsche Welle einige provokante Thesen bzw. Fragestellungen zur Digitalisierungseuphorie gegenüber. Beispielsweise gibt es bisher im Rahmen der Digitalisierung nur Erfahrungen bei der Sendung von U-Musik, für E-Musik oder gar Wortproduktionen liegen noch keine Erfahrungen vor. Die Digitalisierung, d. h. Speicherung und Sendung bei höchster Qualität trotz Datenreduktion - auch dies muß sicherlich noch einmal komplett überdacht werden.

Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, daß die Speicherkapazitäten, zumal der Aktualitätenspeicher, schnell erschöpft sind (häufig bereits nach drei Tagen), so daß sehr schnell der Zwang zum Löschen bzw. Ersetzen der vorhandenen digitalen Daten erforderlich ist. Die Schallarchive haben aber in den letzten Jahren und Jahrzenten sehr häufig die Erfahrung gemacht, daß Entscheidungen, ob ein Tonträger bzw. Titel längerfristig dokumentiert werden soll, häufig besser und klüger mit einer größeren zeitlichen Distanz getroffen werden. Schließlich darf auch der Trend zum Formatradio - egal ob es nun 2.500 Titel oder 5.000 Titel pro Jahr sein mögen - nicht unkritisch hingenommen werden; es ist also zu fragen, inwieweit mit Hilfe der Digitalisierung tatsächlich eine bessere Programmgestaltung möglich ist oder dies eher zu einer Verarmung des Programms führen wird.

Doris Piel vom Personalrat des Hessischen Rundfunks erläuterte die dort in den Jahren 1995 und vor allem auch 1996 zu konzipierende, aufgaben- und programmorientierte Reorganisation des Bereichs Dokumentation und Archive. In Anbetracht der Tatsache, daß der Hessische Rundfunk insgesamt Kosten sparen muß, sollen die Einsparungen und Umorganisationen im Bereich der Abteilung Dokumentation und Archive auch Einsparungen für den gesamten Sender bedeuten. Es ist zu überlegen, welche Leistungen überhaupt von dieser Abteilung für den Sender erbracht werden müssen, und ein zweiter Schritt dient der Überlegung, wie sie tatsächlich effizient erzielt werden können.

Dies geschieht aus eigenen Kräften; d.h., daß keine Unternehmensberater o. ä. ins Haus kommen und den Mitarbeitern eine neue Struktur aufoktroyieren, sondern daß mit allen beteiligten Mitarbeitern ein eigenes Projektmanagement versucht wird, das dann auch hoffentlich zu einer höheren Akzeptanz unter den Mitarbeitern führen wird.

Es hat sich deutlich gezeigt, daß die Digitalisierung sicherlich kein Allheilmittel innerhalb der Schallarchive ist bzw. sein wird, daß diese aber auf der anderen Seite auch eine Chance zur Neugestaltung sowie zum Neuüberdenken der bisherigen Arbeitsläufe bietet und damit auch zu einem neuen Selbstverständnis des (Recherche-) Dokumentars bzw. -archivars als Inforationsvermittler führen kann bzw. soll.

Kosten-/Nutzen-Berechnungen bzw. Leistungsverrechnungen sind in den letzten Jahren immer wieder Aspekte gewesen, die in die Arbeit der Schallarchive Eingang gefunden haben, um möglicherweise auch die entstehenden Kosten in gewisser Weise aufzufangen.

Wolfgang Birtel stellte das seit 1987 praktizierte und inzwischen auch bewährte interne Leistungsverrechnungsprinzip des ZDF vor, bei dem - wie Michael Harms am Vortag im anderen Zusammenhang auch schon erklärt hatte - nicht der Wert des Archivs an sich, sondern nur einzelne Arbeitsleistungen bewertet werden. Der Verrechnungsfaktor schließt sowohl den In- wie auch den Out-put ein, das Archiv arbeitet kostendeckend, wobei - wie Wolfgang Birtel prägnant zusammenfaßte - "das Archiv und seine Dienstleistungen das Kapital" darstellen, die "Nutzer die Kapitalanlage" sind, und somit die Zinsen nur noch steigen können...

Hans-Rudolf Dürrenmatt von der SRG in Bern stellte das interne Leistungsberechnungsprinzip der SRG vor, und es hat den Anschein, daß dies nicht unbedingt so effektiv konzipiert worden ist wie beispielsweise beim ZDF. Die Steigerung des Kostenbewustseins bei den Redakteuren hat den eher gegenteiligen Effekt, daß in den Redaktionen mehr und mehr "Privatarchive" aufgebaut werden, die die jeweiligen Redakteure fein säuberlich abends verschließen.

Daraus folgt, daß sich die vom Archiv geforderte Leistung immer weiter reduziert, eine Umrechnung in Personalzahlen (ohne Berücksichtigung des Inputs) führt damit unweigerlich zu einem weiteren Kapazitätsabbau in den Archiven. Die Grundversorgung wird kaum noch in die Kalkulation miteinbezogen, die momentanen Programmbedürfnisse werden zum Maß der Dinge. Für das Archiv bzw. die SRG entstehen zwar durch dieses interene Leistungsprinzip keine finanziellen Mehrkosten, aber auch keine Mehreinnahmen, es ist lediglich ein statistischer Mehraufwand in den Archiven zu beobachten, der als logische Konsequenz eine gehörige Portion Demotivation bei den Mitarbeitern nach sich zieht und zu einem Rückgang der gefordrten Dienstleistungen führt. Ob dies alles unbedingt im Sinne des Programms bzw. auch der Qualität des Programms ist, bleibt abzuwarten bzw. muß skeptisch beobachtet werden.

Hans-Gerhard Stülb vom Norddeutschen Rundfunk in Hamburg hat - anknüpfend an seinen Vortrag vom Vormittag zum Thema "Die Digitalisierung im Medienbereich: Neue Berufsbilder" - noch einmal deutlich gemacht, daß der Sparwille in den Bereichen Dokumentation und Archive mit Sicherheit vorhanden ist, diese Abteilungen wollen und sollen wirtschaftlich arbeitende Abteilungen sein. Bei allem Sparwillen muß jedoch berücksichtigt werden, inwieweit Sparen tatsächlich möglich und sinnvoll ist, d. h. vernünftige Konzepte müssen den Sparprogrammen zugrunde liegen. Gegebenenfalls ist eine Verschiebung der Planstellen von einem Bereich in den anderen zu überlegen oder auch eine Verlagerung und Neubewertung der notwendigen Tätigkeiten und Aufgaben eine Alternative.

Anke Leenings

02.03.2009