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Bericht der Frühjahrstagung  vom 2.-5. Mai 1994 in Leipzig  

Die Zukunft der Medienarchive -
Was sind die Kernaufgaben?

In: INFO 7, 1/94


Die Frühjahrstagung der Medienarchive in Leipzig

Ist der digitale Massenspeicher das Grab der Medienarchive oder im Gegenteil gar deren Auferstehung? Leipzig, die Stadt, in der vielleicht noch mehr als in Berlin die Gegensätze von Banliene-Tristesse, Bau-Boom und Pleiteobjekten aufeinander prallen - am 05. Mai 1994, am letzten Tag unserer Tagung also, berichtete die traditionsbefrachtete Leipziger Volkszeitung unter der Überschrift "Leizpig war Schneiders größter Spielplatz" über rund 20 Bauobjekte des Frankfurter Pleitiers - war Ort der diesjährigen Frühjahrstagung der Medienarchivare. Eine Stadt, der man auch in der "Fastenzeit zwischen zwei Messen", so der Chefredakteur der Volkszeitung, Hartwig Hochstein, bei seinem Grußwort, ein wenig mehr Urbanität und Leben auf den großen Plätzen wünschte. So richtig hinein in das bunte Gemisch der Völkerscharen kamen die Medienarchivare nur am Vorabend der Tagung, als Claus Baumgart, das personifizierte Ortkomitee, in die Moritzbastei gebeten hatte. Für manche der Kollegen war die Atmosphäre in den Kassematten viel zu schrill, was zu einem geordneten Teilrückzug führte.

Fried von Bismarck, seines Zeichens Verlagsleiter des Spiegel und Herr über Heerscharen von Dokumentaren und Pressearchivaren, machte der Profession Mut, als er im programmatischen Eröffnungsvortrag zum Generalthema "Die Zukunft der Medienarchive. Was sind die Kernaufgaben?" sprach. Mut insofern, als auch ihm die Bewertung und Strukturierung sowie die Aufbereitung immer größer und unübersichtlicher werdender Informationsströme für die Versorgung der journalistischen Klientel unverzichtbar scheinen. Auch für von Bismarck hat sich letztlich alle Volltexteuphorie selbst ad absurdum geführt.

Und dann wurde es richtig spannend: Der Genios-Datenbankvertreter Gokl, der Dienstleiter Lienau und der Justitiar des Handelsblatts, Wallraf, lieferten sich einen Schlagabtausch, der die urheberrechtlichen Probleme der Vervielfältigung und Speicherung von Pressedokumenten sowie deren Vertrieb ebenso beleuchtete, wie er die tiefe Sorge der Verlage, mit ihren Produkten könnte Schindluder getrieben werden, aber auch unverkennbare Monopolisierungstendenzen im Bereich der Informationsversorgung aufzeigte. Eines wurde deutlich: Die Sorglosikgeit, mit der viele mit fremden Quellen umgehen, ist höchst problematisch, und die Interpretation des Archivbegriffs des § 53 Abs. 2 des Urheberrechtsgesetzes bedarf dringend einer Klärung. Die gelegentlich methodisch unsaubere, oder besser interessensorientierte Diskussion, auch mit Fachleuten aus dem Plenum, war der Ernsthaftigkeit des Anliegens überhaupt nicht abträglich, sondern setzte die Kontrapunkte, von der eine Veranstaltung nur profitieren kann.

Eher langweilig, ohne Biß und Schwung dagegen die mit großem Aplomb in das Hauptprogramm aufgenommene Veranstaltung zu den Strategien von Archiven in größeren Medienunternehmen. Zum x-ten Male die Archive verbal vorgestellt zu bekommen, reißt nun wahrlich niemanden mehr vom Hocker. Von wirklicher Strategiediskussion war allenfalls am Rande etwas zu erkennen, so z.B. in Hinblick auf einen gewissen Profitcenteransatz und eine elektronische Vermarktung von Beständen. Viele Vorstellungen blieben eher diffus und an der Oberfläche. Leider wurde damit das spannende Thema eher verschenkt. Am bemerkenswertesten war noch der Ansatz kleinerer und neuer Verlagsarchive, die Entwicklungssprünge umzusetzen haben und sich dieser Aufgaben auch ganz unbefangen stellen.

Die Aufteilung der Tagungsteilnehmer in mehrere fachorientierte Arbeitsgruppen am 2. Tag der Tagung hat sich bewährt, auch wenn der eine oder andere gelegentlich gerne an zwei Veranstaltungen teilnehmen möchte - so kritische Anmerkungen aus dem Teilnehmerkreis. Text und Bild in einer Arbeitsgruppe zusammenzufassen, ist ebenfalls breit akzeptiert. Diese wirkt seit Jahren effizient, und auch in diesem Jahr, als es um das Thema der Einbindung von Archivprojekten in die Gesamtkonzeption von Medienunternehmen ging, war dies nicht anders. Auf hohem fachlichen Niveau wurden vielfältige Vernetzungsansätze von Redaktions- und Archivsystemen diskutiert und Informationstransfer und Desk-Top-Publishing beleuchtet. Den Nachmittag nutzte die Arbeitsgruppe unter Leitung von Hella Schmidt und Beate Pauluth-Cassel, um über Bildspeichersysteme und elektronische Bildversorgung zu diskutieren. Dabei ist die zentrale digitale Bildversorgung der Programmpresse mit PR-Bildern zu Sendungen, ein Geschäft, das die Firma Proserv betreibt, zwar ein spannendes Distributionsprojekt, aber auch nicht ohne Probleme. Wie kann z.B. eine mißbräuliche Verwendung einmal übernommener qualitativ hochwertiger elektronischer Bilder verhindert oder unterbunden werden?

Glaubt man dem gestandenen Archivchef des heutigen DeutschlandRadios Köln (früher Deutschlandfunk), Dieter Siebenkäs, ist der digitale Massenspeicher für Tonträger das Archiv- und Produktionsmedium der Zukunft (Stichworte: Minimierung des Platzbedarfs, hochwertige, stabile, hardwareunabhängige Speicherung, schneller und aktueller Zugriff an allen Bearbeitungs- und Redaktionsplätzen bis hin zum Sendebetrieb). Den Kontrapunkt in der Arbeitsgruppe Tondokumente setzte Michael Harms. Er sieht eine Gefährdung der Überlieferungsvielfalt durch rigorose Selektion, hohen Aufwand für die intensive Erschließung, auch als Basis für breit angelegte Verwertung, technische (Schnittstellen-) Probleme aufgrund der Palette von Produktkomponenten und nannte als gravierendstes Gegenargument eine Förderung und Beschleunigung des Trends zum Formatradio, was eine weitere Nivellierung nach unten bedeute und dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag jedenfalls nicht gerecht würde. Einig waren sich alle aber darin, daß in einem zentralen Massenspeicher allenfalls die Industrietonträger gehören, die anstaltsspezifische Tonüberlieferung, sowohl Wort wie Musik, aber im Speicher der jeweiligen Anstalt bereitgehalten werden müsse.

Keineswegs nur einem modischen Trend folgend, sondern unmittelbar mit konkreten Projekten konfrontiert, beschäftigte sich die Arbeitsgruppe AV-Dokumente mit dem Thema "Einsatz von Multimedia für die Produktion, Speicherung und Distribution von Fernsehprogrammen". Projekte der Firma av-tech (vorgestellt von Günter Rein) und des Südwestfunks in Verbund mit der Uni Kaiserslautern und der Firma Tecmath, überdies gefördert von den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, zielen auf eine Verbindung von Textinformationen mit Laufbildsequenzen sowie Einzelbildern in einem Datenspeicher. Schnelle Verfügbarkeit und Relevanzbeurteilung der für Wiederverwendung und Weiterverwertung benötigten AV-Ausschnitte an integrierten Redaktionsarbeitsplätzen sind das Ziel dieser Projekte, die die Arbeitsplätze in den Archiven grundlegend verändern werden, wenn sie denn das Laborstadium verlassen haben und zur Regelanwendung in Fernseharchiven geworden sind.

Horst Niederehe, Hauptreferent in der Arbeitsgruppe AV-Dokumente und mit dem Thema "Multimedia - Informationsangebot für die Zukunft" auch in der Abschlußveranstaltung am Donnerstag, dem 05. Mai 1994, im Festsaal des Rathauses, die leider nur schwach besucht war, blieb es vorbehalten, die Vision des zentralen Archivspeichers der Zukunft zu entwicklen. Digitaler zentraler Massenspeicher mit offener Architektur für alle Medien, seien es Texte, Bilder, Töne oder Laufbilder, der vielfältigen Zugriff über Robotersysteme und eine objektive Qualitätssicherung gewährleistet, so heißt die Zauberformel zur Bewältigung der Informations- und Dokumentationsfluten der Zukunft. Diese Speicher sind in Kombination mit leistungsstarken Rechnern und superschnellen Netzen und für den Nutzer nicht wahrnehmbarer Datenreduzierung auch die Grundlage des geheimnisumwitterten Video on Demand, von dem zur Zeit als Film- und Video-Library für jedermann so oft die Rede ist. Die Botschaft von Niederehe beinhaltet aber auch eine Speicherung der Software, die für alle Multimedianwendungen von größter Wichtigkeit ist, in höchstmöglicher Qualität.

Die zunehmende Verselbständigung der Systeme und die totale Einvernahme der medialen Kommunikation durch die Technik werden, ohne daß dies eine utopische Vorstellung wäre, eine mediale Revolution größten Ausmaßes auslösen. Eine Instrumentalisierung durch wirtschaftliche und politische Interessensgruppen und -kräfte ist durch die traditionellen ordnungspolitischen Kontroll- und Regulierungswerkzeuge nicht mehr zu gewährleisten. Hier ist hohes Verantwortungsbewußtsein mündiger Bürger, die lernen müssen, mit diesen Instrumenten souverän und autonom umzugehen, gefordert. Ohne eindeutige ordnugnspolitische Rahmenvorgaben aber, die neben einem an der Verfassung orientierten medialen Sittenkodex auch wirksame Kontrollmöglichkeiten beinhalten müssen, wird diese Medienentwicklung nicht zu steuern und einem humanen und demokratischen Menschenbild unterzuordnen sein. Ein Auftrag, der uns Archivare als Hüter und Bewahrer der Quellen, auch für Multimedialprojekte, nicht gleichgültig lassen darf.

Die Leipziger Veranstaltung war eine erfolgreiche Tagung der Medienarchivare, bei der vor allem auch das Umfeld stimmte: Die schönen, nicht sterilen Tagungsräume im Leipziger Neuen Rathaus, die aufmerksame technische Betreuung und Großzügigkeit des Sponsors, Leipziger Volkszeitung, sowie die Zuverlässigkeit des kleinen Ortsausschusses mit Claus Baumgart an der Spitze, nötigte allen großes Lob und Hochachtung ab. Wir waren gerne in der Stadt an der Pleiße und konnten den Besuch zu vielfältigen fruchtbaren persönlichen und fachlichen Kontakten nutzen.

Heiner Schmitt

 

 

02.03.2009