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Bericht der Frühjahrstagung  vom 26.-29. April 1993 in Regensburg 

Wege und Werkzeuge für Medienarchivare und Informationsvermittler in EG-Europa

In: INFO 7, 1/93


Frühjahrstagung der Fachgruppe 7 in Regensburg

Die mittelalterliche, ebenso charmante wie lebendige Stadt am Zusammenfluß von Regen und Donau verzauberte im wahrsten Sinne des Wortes die Teilnehmer der 33. Frühjahrstagung der Medienarchivare, die vom 6. bis 9. April 1993 in Regensburg stattfand. Aber es war sicherlich nicht nur das Ambiente dieser vom Leben auf ihren Pläzen schon so südldndisch anmutenden Metropole der Oberpfalz, sondern in nicht geringem Maße auch das Programm, das anndhernd 150 Fachkolleginnen und Fachkollegen veranlaßte, zur Stadt mit der Steinernen Brücke und dem immerwährenden Reichstag zu pilgern. Mag das Motto öWege und Werkzeuge für Medienarchivare und Informationsvermittler in EG Europav auch ein wenig hochtrabend klingen, die Tagung wurde dem hohen Anspruch zumindest in Ansätzen oder vielmehr in einer ganzen Reihe der Fachvorträge und -diskussionen gerecht. Bewertet man das Programm im einzelnen kritisch, war der Bogen, der von Fragen der Literaturversorgung in Europa über Kernprobleme archivfachlicher Arbeit, nämlich Bewertung von AV-Dokumenten und Musiktonträgern, bis hin zu den unvermeidlichen neuen Informationstechnologien reichte, fast ein wenig zu weit gespannt, was zu Lasten der Homogenität ging. Allerdings verträgt die Frühjahrstagung auch ein thematisch breitgefächertes Spektrum, spiegelt sich doch gerade darin die Vielfalt der Interessen der Medienarchivare und -dokumentare. Künstlich erzeugte Homogenität tut selten einer Fachtagung wirklich gut, gliedert sie doch oft zumindest Teile oder Randgruppen aus.

Daß die Frühjahrstagung der Medienarchivare inzwischen in der Lage ist, nicht nur wesentliche fachliche Denkanstöße zu geben, sondern auch in den gesellschaftspolitischen Raum hineinzuwirken, zeigte das Resümee der Aktivitäen, die die Arbeitsgruppe AV-Dokumente seit Düsseldorf 1992 in Sachen Sicherung der audiovisuellen Programmüberlieferung betreibt. Diesem Thema widmen sich heute viele, ursprünglich eher zurückhaltende Fachkommissionen, und es steht im Mittelpunkt des Interesses von Rundfunkanstalten, privaten wie öffentlich-rechtlichen.

Der Auftakt zur diesjdhrigen Frühjahrstagung war gleichzeitig einer ihrer Höhepunkte. Wie engagiert und mit wieviel Sachkunde Volker Schwarz - seines Zeichens Verleger des Nomos-Verlages und damit auch der Publikationen der Fachgruppe · sowie Vizepräsident der Europäischen Verlegervereinigung - zur Entwicklung der Literaturversorgung in Europß sprach, überzeugte alle, die ihm zuhörten. Wer wie Schwarz einem Ausbau der kulturpolitischen Initiativen der EG auch zur Sicherung der mittleren und kleineren Verlags- und Buchhandelsunternehmen das Wort redet, darf schon mit breiter Zustimmung unserer Fachkollegen rechnen. Die kritische Auseinandersetzung mit staatlicher Subventionierung von Multis und Monopolisten und die von Schwarz entwickelte kulturpolitische Konzeption zur Sicherung und Erhaltung der Buchkultur und des Kulturgutes allgemein verdienen hohe Beachtung, auch bei staatlichen Stellen und Kulturpolitikern, die letzten Endes die Entwicklung mit zu verantworten haben.

Ein Kernanliegen unserer berufsständischen Vereinigung, nämlich die Frage nach dem Selbstverständnis und damit zusammenhädngend nach verstärkter fachlicher Zusammenarbeit oder gar Integration von Verbänden, war, auch wegen der engagierten und z. T. kontroversen Diskussion der Teilnehmer des großen Podiums am Nachmittag des 7. April 1993 im Herzogsaal am Domplatz, zweifellos ein weiterer Höhepunkt. Betroffenheit und Engagement, Nachdenklichkeit, auch selbstkritische Reflexion und leidenschaftliche Plädoyers für fachlich sinnvolle, grenzübergreifende Kooperation bei aller Vielfalt, zu der wir ja schon vor dem kulturföderalistischen Hintergrund der Bundesrepublik verpflichtet sind, prägten die Debatte. Auf dem Podium diskutierten und rangen Vertreter der Internationalen Schallarchivvereinigung IASA (Albrecht Häfner), der Internationalen Filmarchivvereinigung FIAF (Eva Orbanz), der Fernseharchivvereinigung FIAT (Peter Dusek), der Pressearchive (Klaus Jokic), der Pressebildagenturen und Bildarchive (Bernd Weise und unser holländischer Freund Frank Peter Jonkman, seines Zeichens Ehrenpräsident der niederländischen Pressedokumentarsvereinigung, miteinander und um die Zukunft der archivarischen/dokumentarischen Zunft in Europa. Es ist fast müßig zu sagen, daß sich auch das große Auditorium häufig ebenso motiviert wie ernsthaft in die Diskussion einschaltete.

Traditionell dient der zweite Arbeitstag der Frühjahrstagungen seit mehreren Jahren der Erörterung fachspezifischer Probleme in Arbeitsgruppen. Sowohl die AG AV-Dokumente wie auch die Arbeitsgruppe Tondokumente hatte ein klassisches, aber dennoch in der Praxis eher vernachlässigtes archivfachliches Problem zum Mittelpunkt ihrer Beratungen und Erörterungen gemacht: die Bewertung. Bei der AG Tondokumente bezog sich die Diskussion auf die Musiküberlieferung und zwar sowohl auf die in vielen Archiven zusammengetragenen sog. Industrietonträger und - was den weit wichtigeren Teil ausmacht - die Eigenproduktionen des Rundfunks. Hier ist noch viel Grundsatzarbeit zu leisten, fehlt doch nach wie vor ein - für den AV-Bereich und die Wortüberlieferung längst entwickelter - Kriterienkatalog zur Feststellung der Archivwürdigkeit, sozusagen als Sonderteil des Regelwerks Musik. Dieser soll nun bald erarbeitet werden, dafür wird sich auch die deutsche Sektion der Internationalen Schallarchivvereinigung (IASA) stark machen. Ein wichtiger, grundlegender Beitrag bei der AG AV-Dokumente war der detaillierte und fachlich fundierte Vortrag von Edgar Lersch zum Themß Bewertung, wobei dieser sich keineswegs nur auf die AV-Überlieferung bezog. Die mit 30 Teilnehmern gut besuchte Arbeitsgruppensitzung wurde nicht nur mit den neuesten Erkenntnissen archivwissenschaftlicher Forschung bekanntgemacht, sondern auch mit neuen Bewertungsansäzen konfrontiert, die sozusagen eine tiefe Schneise in die bisher immer vertretene Bewertungsselbstsicherheit schlugen und diese nachhaltig relativierten. Ausgehend von dem Gesichtspunkt, daß der Quellenwert von Dokumenten allenfalls vom derzeitigen Wissens- und Erfahrungsstand ermittelbar ist, aber keinesfalls Wertungsgesichtspunkte zukünftiger Generationen antizipiert werden können, bot Lersch einen methodisch sauberen neuen Ansatz zur Bestimmung von Informationswerten (trotz aller Belastung dieses Begriffs) und der Informationsdichte.

Im zweiten Teil der Veranstaltung kamen Bewertungsfachleute und Praktiker zu Wort: So Klaus Teige, der über die Aktivitäen der Rundfunkarchive-Ost hinsichtlich der Bewertung und Sicherung der Fernsehüberlieferung des Deutschen Fernsehfunks sprach, Martinß Werth-Mühl, die über die eher rudimentdre Praxis in den Filmarchiven des Bundesarchivs berichtete, und Wolfgang Dehn zu Bewertungsverfahren im Südwestfunk. Claudiß Hillenbrand und Wolfgang Habekost prdsentierten die Bewertungsarbeit im ZDF, auch anhand praktischer Beispiele und vorgeführter Videodokumente. Fazit: Eine dichte und außerordentlich effiziente Arbeitsgruppensitzung, bei der nur eine Gruppe, obwohl eigens eingeladen, fehlte: Die Kritikaster der Bewertungspraxis im Rundfunk aus Wissenschaft und Forschung. Es sei dahingestellt, ob sie sich aus Gleichgültigkeit der Veranstaltung entzogen oder - dieser Eindruck kann durchaus entstehen -, weil sie nicht bereit sind, sich ihre Vorurteile wegrecherchieren zu lassen.

Die AG Text und Bild unter der bewährten Leitung von Hanna Klenk-Schubert ist seit Jahren nicht nur die bestbesuchte, sondern auch die Veranstaltung, die wahrscheinlich mit ihren Vorträgen und Demonstrationen am nächsten an der Praxis liegt. Es gab so spannende Themen zu verhandeln wie die Erfahrungen, die sich im Zusammenhang mit einem Brandunglücksfall in einem Pressearchiv stellen (Niklas Arnegger, Badische Zeitung), sowie die Einrichtung und der Betrieb eines elektronischen Pressearchivs in Form einer Kombination von Erschließung und Deskribierung auf einem PC mit Volltextarchivierung auf Mikrofilm (Anja Steffen, Reutlinger Generalanzeiger). Diesmal wurden auch manchmal eher vernachlässigte Fragen der Bildarchivierung erörtert, jedenfalls am Beispiel des von Robert Glaser aus Berlin vorgestellten und sehr gut erschlossenen Fotoarchivs einer Versorgungseinrichtung für Journalisten. Damit korrespondierte wiederum der Beitrag von AP-Kollegen aus Frankfurt, die über die bevorstehende Einrichtung eines elektronischen Bildarchivs mit entsprechenden Empfangs- und Zugriffsmöglichkeiten berichteten.

Keineswegs nur, aber auch ein Relikt früherer thematischer Schwerpunkte bei Frühjahrstagungen der Medienarchivare waren die beiden im Plenum präsentierten Vorträge über elektronische Datenbanksysteme und optische Speicherung in der Pressedokumentation. Tobias Brandt, Vertreter der OUTLAW-Informationssysteme, sprach über das europäische Datenbankangebot für Mediendokumentare, und es darf nicht verschwiegen werden, daß er dies eher deskriptiv und langweilig tat. Was man vermißte, waren Bewertung und differenzierte Beurteilung des Nutzens derartiger Informationssysteme für journalistische Dienstleistungsbereiche und Endnutzer. Nicht ohne Reiz dagegen das Thema von Klaus-Rudolf Kittke von Siemens-Nixdorf, der über die optische Speicherung in der Pressedokumentation mit Hilfe des Systems ARCIS berichtete. Die war auch schon deshalb interessanter, weil dieses System in einer ganzen Reihe von Einrichtungen bereits angewendet bzw. dessen Einsatz vorbereitet wird.

Kommen wir zu unseren Gastgebern: Die Stadt Regensburg war durch Frau Oberbürgermeisterin Christa Meier während der Grußreden am Eröffnungstag und beim Abendempfang im Rathaus durch Bürgermeister Annuß vertreten; dort begrüßte auch der großzügige Sponsor des Abends, der Verleger und Herausgeber der Mittelbayerischen Zeitung, Senator Karl Heinz Esser, die Tagungsteilnehmer. Dr. Martin Dallmeier, Direktor des Fürst Thurn und Taxis Zentralarchivs, durfte natürlich im Programm nicht fehlen, und wie er seine Einrichtung vorstellte, auch den Bezug zur Situation der Privatarchive in der Bundesrepublik und in Europa knüpfte, war für alle Anwesenden, denen dieser spezielle Archivbereich eher fremd ist, außerordentlich eindrucksvoll. Wie groß das Interesse an Martin Dallmeiers Hofbibliothek und Archiv war, zeigt, daß sich zwei Drittel aller Teilnehmer bei den angebotenen Archivbesuchen in Regensburg für das Thurn und Taxis Zentralarchiv entschied. Dieses Führungsmammutprogramm bewältigte Dallmeier - sozusagen im Alleingang - ebenso souverän wie geduldig und gelassen, wofür ihm höchste Anerkennung zu zollen ist. Dank ist natürlich auch für die Vorbereitungsarbeit angebracht, war Dr. Dallmeier doch zusammen mit Dr. Heinrich Wanderwitz vom Stadtarchiv unsere Regensburger Anlaufstelle und Adresse, die wir jederzeit auch mit noch so banalen Fragen belästigen durften. Kurzum, nicht nur die sachkundige Stadtführung von Dr. Wanderwitz und seinen Kollegen, auch die Präsentation der Archive, hier ist Monsignore Dr. Paul Mai mit seinem Diözesan-Archiv ebenfalls noch zu nennen, fand großes Lob bei den Teilnehmern.

Wie schon angedeutet: Regensburg war für die Medienarchivare eine Tagung wert. Mehr als das, Regensburg war ein Erlebnis und eine wichtige fachliche Station, die uns auf dem Weg zu mehr Professionalität und zu mehr berufsständischer Zusammenarbeit, auch über die Grenzen unseres Landes hinaus, weitergebracht hat. Bleibt noch zu erwähnen, daß die Fachgruppe traditionell die Frühjahrstagung im Jahr der Vorstandswahl des VdA nutzt, um ihre Vertreter und einen erweiterten Fachgruppenvorstand zu wählen. Dies schon deshalb, weil Frühjahrstagungen von den Mitgliedern weit besser besucht werden als die Fachgruppenveranstaltungen im Rahmen des Archivtages. Ab Herbst 1993 werden Eckhard Lange (SWF), Dr. Heiner Schmitt (ZDF) und Hella Schmitt (Süddeutscher Verlag) die Fachgruppe im Vorstand des Vereins deutscher Archivare vertreten. Für die Arbeit in der Fachgruppe selbst, die auch wegen der großen Mitgliederzahl von zwischenzeitlich anndhernd 250 Kolleginnen und Kollegen immer aufwendiger wird, stehen darüber hinaus als Beisitzer Guda Witthus (Nordwest-Zeitung Oldenburg), Beate Pauluth-Cassel (Springer-Verlag) und Prof. Thomas Seeger (Institut für Information und Dokumentation, Potsdam) zusäzlich zur Verfügung.

Heiner Schmitt

02.03.2009